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Vor 70 Jahren: Überschwemmung in Schlangen – Schlänger Geschichte
Vor 70 Jahren: Überschwemmung in Schlangen Reviewed by Klaus-Peter Semler on . Nicht, wie vielfach behauptet, die Schneeschmelze war es, die ab dem 8. Februar 1946 auch in Schlangen ein paar Tage für eine Überschwemmung sorgte. Schuld ware sfsdfsdfsdf Nicht, wie vielfach behauptet, die Schneeschmelze war es, die ab dem 8. Februar 1946 auch in Schlangen ein paar Tage für eine Überschwemmung sorgte. Schuld ware Rating: 0

Vor 70 Jahren: Überschwemmung in Schlangen

Nicht, wie vielfach behauptet, die Schneeschmelze war es, die ab dem 8. Februar 1946 auch in Schlangen ein paar Tage für eine Überschwemmung sorgte. Schuld waren Regengüsse, die lange angedauert hatten. In dem 1996 erschienenen „Jahrbuch des Kreises Borken“ fasste Klaus Zelzner zusammen: „Die Ursache des Februar-Hochwassers von 1946 lag in tagelangen außergewöhnlich ergiebigen Regenfällen. Seiner Art nach war das Hochwasser eine reine Regenflut. Zwar lag in den Bergen noch mancherorts Schnee, auch war der Frost im Boden noch nicht ganz verschwunden, als in Nordwestdeutschland von den Mittelgebirgen bis zur Küste hin am 27. und 28. Januar 1946 ausgebreiteter Landregen einsetzte. Die Schneereste und der Frost im Boden lösten sich unter dem Einfluss der ansteigenden Lufttemperatur schnell auf. Zur Entstehung des kommenden Hochwassers trugen sie jedoch nicht nennenswert bei. Umso bedeutungsvoller war es, dass sich die Niederschläge in drei kurz aufeinander folgenden und an Stärke zunehmenden Wellen zusammenballten …

Verkehrsregelung wegen Hochwasser

Die Hauptwelle mit ihren katastrophalen Wasserständen und Abflussmengen wurde durch die dritte Regenwelle in den Tagen des 7. und 8. Februar 1946 ausgelöst, nachdem es auch zuvor am 6. Februar schon erheblich geregnet hatte. Ihre größte Stärke erreichten die Niederschläge in einem Gebiet, das sich u.a. im Westen von den Niederlanden her in die Münstersche Bucht erstreckte. Die Niederschlagshöhen des gesamten Monats Februar in der Münsterschen Bucht waren fünfmal so hoch wie im langjährigen Monatsdurchschnitt.“ Schlangen liegt am Ostrand der Münsterschen Bucht.

9. Februar 1946: Das Hochwasser vor dem Gasthof Sibille.

9. Februar 1946: Das Hochwasser vor dem Gasthof Sibille.

An welchen Tagen das Hochwasser den Schlängern besonders zu schaffen machte, lässt sich aus Aufzeichnungen der Freiwilligen Feuerwehr schließen: „Am 8. Februar 1946: Von 20 Uhr bis 23 Uhr Verkehrsregelung wegen Hochwasser, 8 Männer.

Am 9. Februar 1946 morgens um 10 Uhr bis 13 Uhr Wasserabflusskontrolle. Nachmittags von 14 Uhr bis 18 Uhr Einsatz von 22 Männern zum Auspumpen der Keller mit Motorspritze, Handdruckspritze und Jauchepumpen. Die Motorspritze versagte verschiedene Male.

Am 10. Februar 1946 von 8 Uhr bis 13 Uhr 12 Männer beim Auspumpen mit Handdruckspritze, Jauchepumpen mit und ohne elektrischem Antrieb, einer elektrischen Kleinpumpe. Die übrigen Wehrmänner waren auf eigenen Grundstücken mit der Wasserbekämpfung beschäftigt.

Am 11. Februar 1946 von 8 bis 16 Uhr Wasser pumpen. Es waren aber nur 8 Feuerwehrmänner eingesetzt, die übrigen auf eigenen Grundstücken.“

 

Heinz Wiemann hat mündlich von Zeitzeugen vorgetragene Berichte zu Papier gebracht und zunächst in den Heften Nr. 179 (Januar 1996) und Nr. 180 (Februar 1996) des „Schlänger Boten“ veröffentlicht. Mit diesen Darstellungen sei hier an die Überschwemmung in Schlangen vor 70 Jahren erinnert.

Zeitzeugenberichte gehören auch zu den Grundlagen der Geschichtsschreibung. Sie bedürfen allerdings, wie beispielsweise Schriftdokumente und bildliche Darstellungen, der Bewertung und Einordnung durch Historiker. Zeitzeugenberichte sind u.a. von „zwischenzeitlich erworbenen Deutungsmustern überformt“ (Gudrun Mitschke).

Die Bachstraße wurde wirklich zu einer Wasserstraße

Wilhelm Sibille (geb. 1904, gest. 1982) berichtet am 4. Januar 1980:

„Schon ein paar Tage vor dem großen Hochwasser hatte es in Schlangen eine kleine Überschwemmung gegeben. Der Schlänger Bach hatte sich unter Kriegers Brücke mit Gestrüpp und Geäst so ziemlich zugesetzt und trat am Kohlstädter Weg über die Ufer. Das Wasser strömte die Straße hinunter und hinter Kriegers Brücke wieder in das Bachbett. Wir haben dann den Bachlauf unter der Brücke wieder frei bekommen. Das war eine gefährliche Arbeit.

Der großen Überschwemmung, die in Schlangen am 8. Februar einsetzte, war keine Schneeschmelze, sondern ein Dauerregen vorausgegangen. Von den Hängen des Langen Tales floss das Wasser und sammelte sich rasch in der Langen Dresche. Natürlich war auch die Quelle unterhalb der Dorfstannen in Ostmanns Weide wieder in Tätigkeit. Der Kanal unter der Einmündung des Steinweges auf die Straße zum Langen Tal war viel zu klein, um die Wassermassen zu fassen. Das Wasser strömte über die Straße zum Hohlweg und riss einen etwa zwei Meter tiefen Graben. Es kam ja auch noch das Wasser vom Steinweg und von dem auf den Hühnerberg führenden Weg hinzu.

Auch unter der Oberen Straße hindurch war der Durchlass viel zu klein. Außerdem hatte sich hier der Gitterrost zugesetzt. Das Wasser floss über die Straße. Das gleiche geschah in der Höhe der Höfe Weeke und Deppe. Und dann ging es die Bergstraße hinunter. Vor dem Haus Penke waren drei Betonstufen. Sie wurden weggerissen. Die abzweigende Bachstraße wurde wirklich zu einer Wasserstraße. Im Haus Riepenhausen lief das Wasser vorn auf die Deele und kam hinten aus dem Haus heraus. Die Keller des Hauses Heuwinkel waren rasch mit Wasser gefüllt. Brote schwammen oben. Nur die oberste Treppenstufe schaute noch aus dem Wasser.

 

Wilhelm Sibille berichtet über das Hochwasser. Er war besonders als Feuerwehr-mann im Einsatz (1948 bis 1970 Wehrführer).

Wilhelm Sibille berichtet über das Hochwasser. Er war besonders als Feuerwehrmann im Einsatz (1948 bis 1970 Wehrführer).

Als ich in meinem elterlichen Haus, dem Gasthof Sibille ankam, meinte meine Mutter, es könne nichts passieren, in den Kellern sei schon alles auf Tischen hochgestellt. Wir sorgten dann aber dafür, dass alles schnellstens aus den Kellern heraus nach oben kam. Die Kellerräume liefen voll mit Wasser bis unter die Decke. Das Wasser floss ebenfalls in die Schweineställe. Der Verwalter Wohlfahrt kümmerte sich darum, dass die Tiere auf die höher gelegene Deele ins Trockene kamen.

Ein Teil der Wassermassen kam auch in der Grube herunter. Unseren Gasthof, den Gasthof Poppe, hatten damals die Engländer beschlagnahmt. Die Keller blieben hier so ziemlich trocken. Der Schlänger Bach war pinnevoll. Und so reichte das Wasser bis an unseren Gasthof heran.

Die großen Keller des Gasthofes Koch waren auch voller Wasser. Wir von der Feuerwehr pumpten das Wasser aus den Kellern Koch, Sibille und Heuwinkel. Bei Kochs dauerte es am längsten. Eine Flüchtlingsfrau hatte hier Eier im Keller aufbewahrt, denen sie nun nachtrauerte. Wir hatten die Schlauchleitung bis zum Geschäft Brenker gelegt, damit das Wasser nicht wieder in die Keller zurückfließen konnte. Ein Feuerwehrmann hat der Frau gesagt, sie solle zum Ende des Schlauches gehen, die Eier kämen dort heraus.“

(Kohlstädter Weg – heute Ortsmitte, Bergstraße – heute Dedinghauser Weg, Bachstraße – heute Im Dorfe, In der Grube – heute Langetalstraße).

Das auf dem Foto trockene Bachbett der Langen Dresche war am 8. Februar 1946 mit heftig strömendem Wasser gefüllt. Vor dem Hof Krome (das Fachwerkhaus wurde 1966 abgebrochen) begann das Hochwasser im Ortskern. Foto: H. Wiemann, 1958

Das auf dem Foto trockene Bachbett der Langen Dresche war am 8. Februar 1946 mit heftig strömendem Wasser gefüllt. Vor dem Hof Krome (das Fachwerkhaus wurde 1966 abgebrochen) begann das Hochwasser im Ortskern.
Foto: H. Wiemann, 1958

Vorräte schwammen in der Pastorenwiese

Gustav Wießbrock (geb. 1909, gest. 1982) berichtet am 4. Januar 1981:

„Bei uns strömte das Wasser vorn an der Bergstraße in das Kellerfenster hinein und hinten aus der Tür wieder heraus. Unsere Vorräte schwammen in der Pastorenwiese. Das Wasser hatte sich so etwa einen Meter tief in die Bergstraße hinein gegraben und den Beton eines Strommastes an Fleegen Mauer ziemlich frei gespült, so dass der Mast bedenklich wackelte.“

Hermann Riepenhausen (geb. 1922, gest. 2000) berichtet am 1. September 1990:

„Das Wasser kam die Bachstraße herunter, floss im Bereich unseres Hauses entweder in den Schlänger Bach oder weiter in Richtung Hauptstraße oder durch unsere Haustür in Richtung Laden und Backstube und aus der Backstubenaußentür heraus. In der Backstube wurde in Gummistiefeln weiter gebacken. Der Zustand dauerte zwei oder drei Tage. Ein Knecht, der auf dem Hof Hanselle Nr. 14 beschäftigt war, kam hoch zu Ross durch die Wassermassen und holte das für Hanselle gebackene Brot ab.

Das Wasser hat übrigens eine Menge Schlamm hinterlassen.

Auf der Hauptstraße floss das Wasser in Richtung PESAG-Wagenhalle. Auf dem Gelände nördlich des Straßenbahngebäudes bildete sich ein See.“

 

9. Februar 1946: Die Hauptstraße stand in der Dorfmitte in voller Straßenbreite un-ter Wasser.

9. Februar 1946: Die Hauptstraße stand in der Dorfmitte in voller Straßenbreite unter Wasser.

Wohnen wie auf einer Insel

Elisabeth Ostmann, geb. Heuwinkel (geb. 1932) berichtet am 6. Januar 1996:

„Der Hof meiner elterlichen Stätte liegt tiefer als die Straße Im Dorfe, die früher Bachstraße hieß. Als das Wasser kam, haben wir in aller Eile die Eisentore vor unserem Hof geschlossen und Mist davor gepackt. Ein Feuerwehrmann hat dann diesen Damm geöffnet. Das Wasser strömte auf den Hof. Im Nu stand die Mistgrube voll. Die Schweine, die hier einen überdachten Aufenthaltsort hatten, haben wir rechtzeitig in den Stall befördern können. Das Wasser lief zwischen einem alten Fachwerkhaus und dem Kohlenlager hindurch in Wiese und Garten. Hier wühlte es sich ein Bachbett. Der Keller unseres Wohnhauses lief bis zur Fensterhöhe voll. Die frischen Brote schwammen auf dem Wasser.

Große Wassermengen strömten auch zwischen unserer Besitzung und dem von der Familie Biere bewohnten Fachwerkhaus (heute Gemeindebücherei) hindurch in den Garten Biere und in die Pastorenwiese. Die Bachstraße war ein Wasserweg vom Oberdorf in die Dorfmitte. Wir wohnten wie auf einer Insel und mussten das Haus durch ein Fenster und über eine schräg gestellte Leiter verlassen bzw. betreten.“

Ackerboden angeschwemmt – Tanzdamen huckepack getragen

Werner Ruth (geb. 1928, gest. 1999) berichtet am 2. Februar 1996:

„Wenn man von der Hornschen Straße (jetzt Kohlstädter Straße) in den Schafkampweg einbog, konnte man früher gleich links zu einem Dreschschuppen gelangen, der Ernst Poppe gehörte. Heute steht dort das Haus Mense, Schafkampweg Nr. 1.

Am Abend des 8. Februar 1946 kam Ernst Poppe gegen 21 Uhr zu uns mit den Worten ‚Nachbarn, wir haben Hochwasser‘. Ernst Poppe hatte sich in dem Dreschschuppen eine bescheidene Unterkunft eingerichtet. Das Wasser hatte zunächst seine Zimmertür in Bewegung gesetzt, und das dabei entstandene Geräusch hatte den Dreschkastenbesitzer veranlasst ‚Herein‘ zu rufen. Mit dem Wasser, das als Besucher unter der Tür hindurch kam, hatte er nicht gerechnet. Ernst Poppe hatte sich auf den Tisch gesetzt und ansehen müssen, wie das Wasser in seinem Raum immer höher gestiegen war.

Einen Tag vorher war uns schon aufgefallen, dass die Felder oberhalb der Oberen Straße in großen Flächen unter Wasser standen. Als weitere Wassermassen am 8. Februar im Emkental und vom Schlänger Hassel herunterkamen, wurde viel Ackerboden weggeschwemmt. Aus dem Dreschschuppen nahm das Hochwasser zentnerweise Anthrazitkohle, die dort gelagert war, mit ins Dorf. Dafür schwemmte das Wasser wertvollen Ackerboden aus der Nachbarschaft an. Das Sägewerk Rebbe stand ebenfalls unter Wasser.

An unserem Haus floss das Wasser vorbei und dann in den Graben, der sich an der Ostseite der Hornschen Straße (jetzt Ortsmitte) entlang zog. Der Graben reichte bei weitem nicht aus. Und so strömte das Wasser über Straßenbahnschienen und Straßenpflaster hinweg in Richtung Dorfmitte.“

9. Februar 1946: Die Hauptstraße als Wasserstraße vor dem Haus Tracht (heute Bornefeld). Fotos: Sammlung Wiemann

9. Februar 1946: Die Hauptstraße als Wasserstraße vor dem Haus Tracht (heute Bornefeld).
Fotos: Sammlung Wiemann

Richard Mötz (geb. 1910, gest. 1993) berichtet am 31. Januar 1992:

„Der 8. Februar 1946 war der Tag, an dem die Überschwemmung kam. Es war ein Freitag. Am Abend veranstalteten die englischen Soldaten im Saal Sibille einen der bekannten Tanzabende. Sehr erwünscht war der Besuch junger Schlänger Frauen. Und viele gingen auch hin. Am Schluss des Tanzabends stand das Wasser vor dem Gasthaus Sibille 30 bis 40 Zentimeter hoch. Die Briten erwiesen sich als Kavaliere. Sie trugen ihre Tanzdamen huckepack aufs Trockene.“

 

(Publiziert am 10. März 2016)

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